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Ich gehöre nicht zu denen, die schon als Kind vom Fliegen geträumt haben...
Das sage ich gleich zu Beginn, weil es etwas über mich verrät, das mir wichtig ist: Ich bin kein Romantiker der Luftfahrt. Ich bin jemand, der gelernt hat, was passiert, wenn Menschen in Systemen arbeiten, die nicht so funktionieren, wie sie funktionieren sollten — und der seitdem sehr genau hinschaut, bevor irgendetwas schiefgeht.
Der Weg ins Cockpit kam eher zufällig, über eine Ausbildung zum Speditionskaufmann und ein paar Umwege, die mich schließlich zur LTU brachten. Zwei Tage nach Dienstbeginn stand ich zum ersten Mal im Cockpit, und von da an war klar, wohin es gehen sollte. Nicht wegen der Begeisterung fürs Fliegen selbst, sondern wegen der Art, wie dort gearbeitet wird: klar, strukturiert, mit einer Ernsthaftigkeit, die sich aus der Verantwortung ergibt, die man trägt. Jeder Handgriff hat einen Grund. Jede Ansage hat einen Empfänger. Und Verantwortung ist etwas, das man nicht delegieren kann.
Den stärksten Eindruck hat mir allerdings nicht das hinterlassen, was gut lief — sondern mein erster Arbeitgeber in der Bedarfsluftfahrt. Er war erfahren, er kannte sein Flugzeug, und er hatte über die Jahre eine Überzeugung entwickelt, die sich in dieser Branche immer wieder als gefährlich erweist: dass persönliche Erfahrung ausreicht, um auf Standards zu verzichten. Er hat GPS-Bildschirme abgeklebt, damit Passagiere keine technischen Warnanzeigen sahen. Er ist in dichtem Nebel auf Flughäfen angeflogen, für die er weder die notwendige Ausrüstung noch die erforderliche Qualifikation hatte. Und er hat Checklisten weggelassen, wenn er das Gefühl hatte, dass sie vor wichtigen Kunden nicht gut aussahen. Ich war damals Freelancer ohne feste Absicherung, hatte wenig Spielraum, und habe trotzdem jeden Tag mit dem Wissen gelebt, dass hier irgendwann etwas passieren würde. Nicht aus Angst, sondern weil es einfach nicht anders sein konnte. Zwei Jahre nach meinem Weggang hatte er einen schweren Unfall. Er überlebte, aber das Flugzeug nicht. Und die Geschichten, die danach an die Oberfläche kamen, haben mich in einer Überzeugung bestärkt, die meine Arbeit bis heute prägt: Fast jeder Unfall kündigt sich an. Die Frage ist nur, ob jemand hinschaut und ob die Bedingungen so sind, dass derjenige, der etwas sieht, es auch sagen kann.
Jahre später saß ich selbst in einer Situation, die mich an genau das erinnert hat. Eine Nachtlandung, schlechtes Wetter, das Flugzeug wurde von böigen Winden durchgeschüttelt und je näher wir dem Boden kamen, desto klarer wurde, dass die Bedingungen sich nicht verbesserten. Irgendwo in den letzten Metern habe ich gedacht: Vielleicht wird es noch besser. Und dann noch einmal. Und noch einmal. Wir sind schließlich durchgestartet. Beim zweiten Anflug hat es funktioniert und für die Passagiere war es schlicht eine unruhige Landung. Aber ich wusste, was dort passiert war — es war kein technisches Problem, sondern ein sehr menschliches: die Hoffnung, dass sich eine Situation von selbst klärt, wenn man ihr nur noch ein paar Sekunden gibt. Dieser Gedanke kennt keine Branche und keinen Dienstgrad. Er passiert in Cockpits, in Operationssälen, in Besprechungsräumen und in Leitständen, überall dort, wo Menschen unter Druck eine Entscheidung treffen müssen, die eigentlich längst fällig war.
Genau dieser Moment — die Zeit zwischen dem ersten Anzeichen und dem eigentlichen Fehler — ist das, was mich seit zwanzig Jahren beschäftigt. Ich bin Flugkapitän, ausgebildeter Flugunfalluntersucher, zertifizierter Business Coach und Trainer, und ich fliege bis heute aktiv auf der Linie. Was ich in Trainings, Vorträgen und Coachings einbringe, kommt nicht aus Büchern oder Fallstudien aus vergangenen Jahrzehnten, sondern aus einer Praxis, die heute noch läuft. Das bedeutet nicht, dass ich besonders mutig oder besonders klug bin. Es bedeutet, dass ich weiß, wie sich Druck anfühlt, wie Entscheidungen unter Zeitnot fallen, und wie eine Führungskultur aussehen muss, damit Menschen in solchen Momenten das Richtige tun — nicht weil man es ihnen befohlen hat, sondern weil das System es möglich macht. Herzliche Grüße Christian Beckert
Wir klären Ausgangslage und Zielbild und setzen die ersten Schritte so, dass Nutzen im Alltag spürbar wird.